Nachbereitung Treppengespräch bei Hartmut Liebsch, Alte Mühle, Kochertürn

Nachbereitung Treppengespräch
Hartmut Liebsch DER LETZTE MÜLLER. Ein Stück Archäologie; Materialtheater
Alte Mühle, Kochertürn

Nach einer freundlichen Begrüßung im Gastro-Bereich der Alten Mühle in Kochertürn, in Klingsors Zaubergarten unter kühlem Mond über silbernen Pappeln, präsentierte Hartmut Liebsch das Stück Der letzte Müller im Keller seines Anwesens. Dabei geht es an authentischem Ort um die Zeitläufte der alten Mühle, um Grabungen, deren Aushubgrube den Bühnenboden stellt, und die Menschen mit ihren Träumen und Schicksalen, welche die Mühle bis zum Schluss bewirtschafteten. Mit Fundstücken, Akten, Gebrauchsgegenständen und vor allem geknetetem und gebackenem Teig wurde die Geschichte der Mühle so plausibel dargestellt, dass späterhin alle Zuschauer versicherten, sie glaubten jedes Wort und sogar die von Liebsch erfundenen Namen der Protagonisten erwiesen sich hartnäckiger im Gedächtnis der Zuschauer als ihre realen.

Es gehörte zu den Überraschungen des von allen Teilnehmern intensiv und engagiert geführten Gesprächs, dass ein Teil der Personen und Ereignisse im Stück Dichtung seien und wenig zu tun hätten mit der tatsächlichen Geschichte der Mühle. So stellte sich die Frage nach der Natur und den Qualitäten des Materialtheaters, das einen die Dinge so intensiv vor Augen führt, dass man sie als Teil unserer Wirklichkeit glaubt: Das verhält sich  anders als beim Personentheater, bei dem Rollen und Dinge auf der Bühne als Rahmenbedingung weniger wörtlich genommen als viel mehr emotional aufgefasst werden und dass dies Letztere die eigentliche ‚Wirklichkeit‘ des Theaters sei. Ganz anders das Materialtheater, das tote Gegenstände so zum Leben erweckt, wie wir es als Kinder mit Dingen getan haben: etwas für etwas Anderes zu nehmen, dass es Realität sei – etwa eine Brotkugel für einen Richter. Andererseits verhält es sich im Materialtheater auch so, dass die im Spiel benutzten Dinge – Knochen, Scherben – wörtlich Zeugnis ablegen für die Geschichte, die sie repräsentieren. Diese Doppelnatur der Dinge, einerseits eine Rolle, einen Charakter, zu spielen, andererseits sich als das zu zeigen, was sie sind, findet man im Personentheater so nicht. Und jene Doppelnatur ist es auch, die den Hebel dort ansetzt, wo für uns ‚Wirklichkeit‘ beginnt. Hartmut Liebsch zeigt in seiner Arbeit sehr eindringlich, dass die Realität weniger eine Art physikalisches hardcore-fact ist, als eher eine Glaubenskonvention, die aus der Verwandlungskraft der Phantasie als initialen Akt entsteht und dann vom Glaube an diese Verwandlung dauerhaft eingerichtet wird.

Zudem kommt bei Liebsch noch ein weiteres Moment: namentlich die proportionale Verschiebung der Dinge und der von ihnen repräsentieren Personagen. Einmal sehen wir gleichsam herab auf ein kleines Brotklümpchen, das einen Richter darstellt, ein andermal behandelt Liebsch sein Gesicht so, als ob es selbst Brotteig sei: Mal ist der Brotteig real, mal ist er nur vorgestellt; mal ist der Brotteig ganz klein, mal ist er lebensgroß. Diese proportionale Verschiebung wächst auch über das Stück hinaus. So ist die Mühle mal ganz klein Verhandlungsobjekt eines kleinen Richters aus Brotteig, mal ist sie die Bühne und natürlich ist sie das gesamte Gebäude, welches das Theaterstück, die teilnehmenden Besucher gewaltig umgibt, in das man zu Beginn des Stückes eintritt. Auch auf dieser Ebene funktioniert die Ent- und Verrückung unserer Realität zu etwas Phantastischem und umgekehrt.

Schließlich wurden im Gespräch versprengt auch weitere interessante Gedankensplitter eingestreut. So wurde diskutiert, wie wichtig die beiden Weltkriege, die im Stück angesprochen wurden, auch psychologisch für das Wirtschaften hier in Deutschland war und ist; dass hoffnungsvolle ökonomische Planungen durch den Tod der Generationen, der Trauer und Depressionen der Zurückgebliebenen zunichtewurden. Auch bemerkte man die politische Brisanz des im Stück behandelten Mühlensterbens der 1960er Jahre für unsere heutige Epoche der Energiewende. Endlich wurde auch Unterhaltsames diskutiert wie etwa das sogenannte Latrinenurteil, indem der Rohrbruch eines Abortes – dessen Ausbau der Krieg verhindert hatte – zum völligen Stillstand der Mühle führte.

Nachbereitung Treppengespräch bei Hartmut Liebsch, Alte Mühle, Kochertürn

Treppengespräch, 07.08., 21:00, Complex23

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Norman Stoll, Tuch für seine Video-Präsentation an der Wand des Complex23

Treppengespräch, Freitag, den 07.08.2015, 21:00, im Complex23

Wandinstallation
Norman Stoll und Sandra Miassar, Wandinstallation vor dem Complex23

Schwarz ist wohl die Farbe, die am wenigsten der Sprache entgegenkommt. Es schluckt alle anderen Farben, das Licht, alle gestalthafte Sichtbarkeit und damit wohl auch Worte und Begriffe. Nicht umsonst gilt Schwarz als Farbe der Weltverneinung und Askese. Schwarz als Sieg über die Sonne! Andererseits kommt Schwarz dem Nahsinn entgegen, dem Tasten und Fühlen. Schwarz betont das Material, das es trägt, die Maserung, das Tuch, Stoff und Körper. In unserem Körper herrscht Dunkelheit. Die Arbeiten von Norman Stoll, derzeit im Complex23 in der Ausstellung mit dem beredten Titel ‚KONTEXT‘ zu besichtigen, würdigt das Zusammenspiel von Schwarz und Material. Natürlich wird auch das Treppengespräch sich dem Thema widmen. Wir werden uns unterhalten über die Bedeutung von Schwarz, seiner kunst- und kulturgeschichtlichen, auch seiner politischen… und wir werden versuchen in Worte zu fassen, wie sich ein stumpfes, köperloses Schwarz abhebt von einem glänzenden, die immaterielle Finsternis von greifbarer Textur… Bin gespannt, was sich daraus ergibt.

Bilder (c) Bernhard Stumpfhaus, HN, 2015

Treppengespräch, 07.08., 21:00, Complex23

Nächstes Treppengespräch: Samstag, 25. Juli…

der Letzte Mu╠êllerTreppengespräch: 25.07.2015, ca. 21:30
im: “triebwerk Alte Mühle Kochertürn“
Bahnhofstraße 17
74196 Neuenstadt-Kochertürn

Diesmal findet das Treppengespräch nicht im Complex23 selbst statt, sondern im triebwerk Alte Mühle Kochertürn. Anlass ist das Stück Der letzte Müller von Hartmut Liebsch, ein phantastisches Historiendrama, ein theatrum mundi, welches eine Person – ist es der Autor, Hartmut Liebsch, ist es ein Müller, ist es der Tod höchstselbst? – aufführt und erzählt. Es geht um die Alte Mühle, ihr Werden und Vergehen. Die Hauptdarsteller dieser Aufführung verkörpern jedoch keine Menschen, sondern äußerst belebte Dinge: Knochen, Scherben, Gabeln, Eimer, allesamt Fundstücke aus dem Boden der stillgelegten Anlage. Das Stück könnte man auch als ein Gemälde zur Verrücktheit dieser Welt bezeichnen, angesichts ihrer Vergänglichkeit.

Das Treppengespräch mit Hartmut Liebsch im Anschluss an die Aufführung Der letzte Müller um 20:30 wird sich mit dem sogenannten Materialtheater beschäftigen. Was ist das eigentlich? Was sind seine Geheimnisse? Wie kann es sein, dass wir Menschen in der Lage sind, von Kindesbeinen an, mit der Phantasie Dinge so zu verwandeln, dass sie – obwohl sie ihr Aussehen nicht verändern – belebt erscheinen, dass wir sie wörtlich als lebendige Personen wahr- und ernstnehmen? Welche Kraft ruht in uns, dass wir mit ihr Berge versetzen und die Welt verwandeln können?

Fotos (c) triebwerk, Kochertürn

Nächstes Treppengespräch: Samstag, 25. Juli…

2. Treppengespräch 2015 im complex23, Heilbronn

Ankündigung: Treppengespräch am Freitag, 17.03.2015, 20:30, im complex23, Heilbronn

Mark Bohle und Hans-Jörg Seidler bestücken Ihre Ausstellung Thank You For Shopping Here Moody mit Siebdrucken von sechs Einkaufstüten verschiedener Farbe, Aufdrucke und Stimmungen. Die Herausnahme der Tüten als Werbeträger aus ihrem wirtschaftlichen Kontext schneidet den Verweischarakter von Logo und Schrift ab. Es rücken Gestaltung und Ästhetik der großformatigen Arbeiten als Selbstzweck in den Vordergrund. Reicht es wirklich, Werbung allein dadurch, dass ihr Zweck und ihre Adressierung beseitigt werden, zur Kunst zu machen? Hängen diese beiden Bereiche so nah zusammen? Im Treppengespräch werden die beiden Künstler von ihren Arbeiten und Techniken sprechen. Es wird um Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Werbung und Kunst gehen, von Zeichen und Symbol, von visuellem Design und schönem Schein.

Foto: (c) Sandra Miassar, complex23

2. Treppengespräch 2015 im complex23, Heilbronn

Protokoll Treppengespräch mit Daniel Glaser – kounterpart

DSCN4908Das gut besuchte Treppengespräch dauerte über eineinhalb Stunden und befasste sich mit den Arbeiten von Daniel Glaser, alias kounterpart, und ihren Entstehungen. Glaser berichtete von seinem Interesse an parcel-tags, an ihrer gleichsam unsichtbaren Allgegenwart. Er sammelte sie, schaute sich an, wie sie auf Paketen und Briefen angebracht sind, fotografierte sie schließlich. In einem nächsten Schritt bearbeitete er die entstandenen Bilddateien, um diese abschließend analog umzugestalten. Er hat beispielsweise die Fassade vom complex23 mit einer Wandmalerei versehen, die das Haus nun mit einem parcel-tag beklebt wie ein Paket wirken lässt. Innen stellte Glaser gefaltete Papierobjekte von digital modifizierten Postaufklebern aus sowie Fotos von deren Projektionen auf Papier, am Bildschirm. Zentrales, ästhetisches Anliegen von Glaser ist es, grafische Texturen mit haptischer Anmutung zu erzeugen.

Im Focus der Diskussion stand der digitale Zwischenschritt. Glaser ließ nämlich die entstandenen Bilddateien nicht von einem Bildverarbeitungsprogramm sondern von Text- oder Audioprogrammen lesen und erstellte so Visualisierungen oder akustische Ereignisse, die auf sinnlicher Ebene nichts mehr mit den parcel-tags zu tun haben.

Zwei Aspekte wurden in der Diskussion besonders deutlich angesprochen: zum einen macht Glasers Verfahren sichtbar, dass eine Datei für sich erst einmal nichts anderes bedeutet als sie selbst, denn die Textinterpretation einer Bilddatei enthält ja die gleichen Informationen wie die Audio- oder die Bildinterpretation. Nur können Betrachter bei den ersten beiden Verfahren – Text und Audio – die Darstellungen nicht mehr ‚lesen‘ (s. Abb.). Eine sinnvolle, sinnlich wahrnehmbare Information ist für den Menschen getilgt. Damit entzieht Glaser den Dateien ihren Informationsgehalt für uns und schafft dabei gleichzeitig so etwas wie Bedeutung, die sich allerdings nur im analog-Ästhetischen entfaltet. Den entscheidenden Schritt bei der Transformation von digitaler Information zur ästhetischen Bedeutung vermittelt das spielerische Eingreifen des Künstlers, der Rechenprozesse gleichsam aus dem Bauch heraus willkürlich anhält, modifiziert und das Ergebnis in völlige andere Produktionsprozesse, wie etwa die entstandene digitale Visualisierung mit einem Beamer auf ein zerknülltes Papier zu projizieren und diese Projektion wiederum zu fotografieren. Dabei entstehen bedeutungshaltige Bildobjekte die dem digitalen, algorithmisch vermittelten Informationsstrom entrissen sind. An dieser Stelle wurde zum anderen der Aspekt sichtbar, dass eine eigene Entscheidung in der Lage ist, die digitale Kommunikation von Daten zu durchschneiden, sich quer dazu zustellen und sich somit vom Computer als Medium, wie als Werkzeug, das unsere Urteilskraft ersetzen soll, zu distanzieren.

Daraus abgeleitet kam die Frage auf, ob der willkürliche Eingriff des Künstlers in den digitalen Verrechnungsprozess messbar ist und selbst wieder als Datum dem digitalen Datenstrom einzuverleiben sei. Die Frage blieb offen.

Durch die Unterscheidung von Information und Bedeutung kam die Frage auf nach der Informationsfreiheit. Was bedeutet Information? Ist sie lediglich Teil einer Kommunikation der Rechner untereinander, sind wir damit nur bloß Material von Messung und Verdatung? Oder haben solche digitalen Informationen auch einen Wert für uns? Ist dieser ‚Wert‘ gleichzusetzen mit dem, was wir unter ‚Bedeutung‘ verstehen? Und entfaltet sich Bedeutung erst außerhalb der digitalen Datenströme?

Schließlich wurde diskutiert, dass die permanente Aktualisierung von Daten so etwas wie Geschichte zum Verschwinden bringt. Permanent aktualisierte und uminterpretierte Daten machen in ihrer jeweiligen Aktualität ihre Veränderung, ihre Differenz zum vorherigen Datenstand unsichtbar und gaukeln damit ein ewiges Jetzt vor, das scheinbar niemals anders war und niemals anders sein wird. Als klassisches Beispiel wurden die ersten Starwars-Filme genannt, die nur digital überabreitet im Netz verbreitet vorliegen und keiner mehr eine Erinnerung habe an die Originale.

Das Gespräch endete mit der Diskussion, dass Dauerhaftigkeit der Information eigentlich nur mit analogen Mitteln zu erreichen sei.

Protokoll Treppengespräch mit Daniel Glaser – kounterpart

Treppengespräch: Vorabtreffen mit Daniel Glaser – kounterpart

10918677_769938229740894_429216874_oZur Vorbereitung des kommenden Treppengesprächs am Freitag, den 09.01., um 20:00 im complex23 haben Daniel und ich uns gestern Abend getroffen. Wir hatte eine ausführliche und sehr inspirierende Diskussion. Zunächst ging es über Daniels Buch sender-[interference]-receiver, das den Hauptanlass der gleichnamigen Ausstellung im complex23 stellt. Im Treppengespräch wird es also zunächst um die Methoden gehen, mit denen Daniel seine Text-Bilder komponiert.

Wir sprachen auch über die Unterschiede von der Auffassung des Computers einerseits als schöpferisches tool zur Herstellung von Musik, Texten und Bildern, die ihre Botschaft in den Köpfen der Menschen entfalten, und andererseits als Medium, das sich selbst seine eigene Botschaft ist. Ist das Medium – Computer – selbst Botschaft? Oder kann der Künstler durch entschiedenes Eingreifen in den Arbeitsprozess eine Botschaft über das Medium hinaus erreichen? Kann der Betrachter durch seine Wahrnehmungen und Intuitionen seine eigene Botschaft jenseits des Mediums generieren? Ist die Botschaft eine Information? Oder vielmehr ein komplexes Geschehen von Vorstellen, Assoziieren, Fragen und Nachdenken, das als Information gar nicht beschreibbar ist? Weiterhin diskutierten wir allgemeiner über den Einfluss des Computers heute, seine Fähigkeit, durch algorithmische berechnete Zusammenführung der verschiedensten Daten-Eingaben beim Suchen, beim Einkaufen, beim Chatten, gesellschaftliche Normalität für uns zu bestimmen. Und schließlich kamen wir zu der Frage, ob es bei der ‚Informationsfreiheit‘ der globalen Vernetzung um die Freiheit der Information geht, sich ungehindert frei zu verbreiten, oder um die Freiheit des Menschen, sich über den freien Zugang zur Information, ein eigenes Urteil außerhalb der Vernetzung zu fällen?
Wir sind also gut vorbereitet auf den kommenden Freitag und würden uns freuen, wenn Ihr am Treppengespräch teilnehmen und es durch Euer Interesse bereichern, erweitern oder in eine ganz andere Richtung lenken wollt. 😉

Treppengespräch: Vorabtreffen mit Daniel Glaser – kounterpart

1. Treppengespräch 2015 im complex23, Heilbronn

Ankündigung: Treppengespräch am Freitag, den 09.01.2015, 20:00 im complex23, Heilbronn

Das erste Treppengespräch des neuen Jahres 2015 im complex23, Heilbronn, beschäftigt sich mit dem Thema der Ausstellung Sender – [Interference] – Receiver von /_ ʞounterpart _/, welches weniger das Verhältnis zwischen Absender und Empfänger als vielmehr das Kommunikationstool an sich in den Blick nimmt. So stellt sich die Frage, ob es notwendig der Mensch sein muss, der sendet oder empfängt. Denn in unserer vernetzten, digitalen Welt sind Zeichen nicht unbedingt Chiffren lesbaren Austausches, sondern signets des geheimen Raunens der Rechner und Maschinen untereinander. Wer vermag sie zu verstehen? Und wo stehen wir Menschen? Sind wir analoge [interference]?

1. Treppengespräch 2015 im complex23, Heilbronn